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Innere Anteile: Warum sie dich lenken – und wie du Frieden mit ihnen schließt

Das kennst du sicher auch: Manchmal bist du entschlossen, manchmal voller Zweifel. Mal streng mit dir, mal liebevoll. Woher kommt das – und ist das „normal“?


Diese verschiedenen Sichtweisen oder inneren Haltungen nennt man in der Psychologie „Innere Anteile“. Jeder Anteil hat seine eigene Meinung, seine Ängste und Bedürfnisse – geprägt durch deine Kindheitserfahrungen.


In diesem Artikel erfährst du, welche Inneren Anteile es gibt, warum sie manchmal in Konflikt geraten – und wie du Frieden mit ihnen schließt, um mehr Ausgeglichenheit und Selbstakzeptanz zu finden.


 


Inhaltsverzeichnis:



 

"Die Hose ist wirklich schön und total bequem. Ich glaub, ich kauf sie." - "Aber sie ist auch ganz schön teuer und diesen Monat muss ich eh schon viel Geld ausgeben. Ich kauf sie besser nicht."


Kennst du dieses Hin und her? Erst bist du überzeugt, dann kommen Zweifel – und plötzlich steckst du mitten in einer Endlos-Diskussion mit dir selbst.


Genau das sind Innere Anteile. Zwei davon.



Schachfiguren

Was sind Innere Anteile und weshalb hast du sie?


Du bist nicht nur eine einzige, starre Persönlichkeit – sondern bestehst aus vielen verschiedenen Aspekten, Meinungen, Haltungen. In verschiedenen Theorien über das Wesen unserer Persönlichkeit wird versucht, diese Facetten zu verstehen und greifbarer zu machen.


Der Kommunikationspsychologe Schulz von Thun spricht vom "Inneren Team". Systemische Theorien nennen es "innere Familie", "innere Konferenz" oder "inneres Parlament". Die amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir bezeichnete das Zusammenspiel der inneren Aspekte als "Parts Party": als Party der Inneren Teile.


Glockenspiel Neues Rathaus München

Ich spreche gerne ganz einfach von den "Inneren Anteilen". Die sind wie Figuren in einem Theaterstück oder Mitglieder eines Teams. Manche sind laut und präsent, andere leiser und selten im Vordergrund. Mir fällt dazu oft das Glockenspiel im Turm des neuen Rathauses in München ein: viele verschiedene Figuren, die wie unsere Inneren Anteile abwechselnd nach vorne treten und sich zeigen, um dann wieder nach hinten zu verschwinden.


Diese Anteile haben sich im Laufe deines Lebens gebildet, oft als Reaktion auf bestimmte Erfahrungen. Und erstmal ist das auch gut so.

Bei unserem Beispiel mit der Hose ist es natürlich sinnvoll, abzuwägen, ob die Schönheit oder der Preis kaufentscheidend sein soll. Nichts davon ist eigentlich wichtiger als das andere. Vor dem Hintergrund beispielsweise eines leeren Bankkontos würde sich das aber ändern. Innere Anteile sind also wichtig, um gute, zum Leben passende Entscheidungen zu treffen.


Ein Anteil übernimmt in bestimmten Momenten das Steuer. Mal ist es der vorsichtige Teil, der dich schützen will, mal der mutige, der dich herausfordert. Mal der Perfektionist, der alles richtig machen möchte, mal der lockere Genießer, der es nicht so eng sieht.


Solange das Zusammenspiel der Teile funktioniert, sind flexible, auf Situationen angepasste Entscheidungen möglich. Aber dieses Zusammenspiel ist sehr fein. Durch bestimmte Erlebnisse in der Kindheit kann Sand ins Getriebe gekommen sein und die Rädchen greifen nicht mehr ineinander. Dann kann es passieren, dass manche Anteile sehr radikal behindern oder andere kaum noch zu Wort kommen. Statt innerer Flexibilität entsteht ein Gefühl von Feststecken.




Wenn deine Inneren Anteile nicht gut zusammenarbeiten


Lass mich dir ein Beispiel erzählen:


Johanna ist 34 Jahre alt. Sie arbeitet als Betriebswirtin und steht ständig unter Druck. Termine, Termine, Termine - und bloß keine Fehler machen. Ihre Gedanken kreisen fast nur um Pflichten und Verantwortung. Ihre Eltern waren in ihrer Kindheit sehr streng. Der Vater erwartete hervorragende Leistungen in der Schule. Eine 3 quittierte er mit einer Standpauke und Stubenarrest. Die Mutter war emotional ebenso kalt und nur mit ihrem Bridge-Club beschäftigt. Johanna bekam schon Bauchweh, wenn sie ihren Vater nur reden hörte. Sie versuchte, "unsichtbar" zu sein. Ihr Plüschhase war ihr bester Freund, dem sie alles erzählen konnte. In der Pubertät fing sie heimlich an, zu rauchen und Drogen zu nehmen. "Ihr könnt mich mal. Von euch lass ich mir nichts mehr sagen", war ihr Motto. Erst als sie ihren Freund traf, hörte sie mit den Drogen auf und machte Karriere: "Mein Vater wird schon noch sehen, was in mir steckt". Der Freund stellte sich später als sehr kontrollierend heraus. Aber Johanna ist bei ihm geblieben und erträgt es.

Was ist in Johanna passiert?


Die emotionale Härte und Kälte der Eltern haben bewirkt, dass sie als Kind lernte, sich anzupassen. Je besser, desto weniger Probleme hatte sie. Das Unterordnen wurde zu einem festsitzenden Muster. Das "verletzte innere Kind" entstand.


Das Bestreben, unsichtbar zu sein, ist immer noch da. Nur heute braucht es keinen strengen Vater mehr, damit sie funktioniert. Dieses Verhalten hat sich "internalisiert". Denn die Stimme des Vaters wirkt noch immer in ihr - als Antreiber oder "Innerer Kritiker": "Jeder intelligente Mensch hat die Pflicht, seine Fähigkeiten zu nutzen" oder "Eine 80-Stunden-Woche gehört zu meinem Job dazu. Dafür kann ich mir auch das 5-Sterne-Hotel leisten".


Und was wurde aus dem "rebellischen Inneren Anteil" aus ihrer Jugendzeit? Dem wurden die Zähne gezogen. Er lehnt sich jetzt nicht mehr auf, sondern tut nur noch so. Eigentlich hilft er dem Inneren Kritiker, indem er dafür sorgt, dass sie Tag und Nacht arbeitet.


Der Freund ist an die Stelle des Vaters getreten. Das kennt sie schon. Und von der Mutter hat sie gelernt, dass sie wohl sowieso nicht liebenswert ist.


Die folgende Grafik illustriert die erwähnten Inneren Anteile:


Die erstarrten Inneren Anteile

Zwischenfazit:  Wenn du immer oder häufig im gleichen, selbst behindernden Muster agierst, sind wichtige Innere Anteile von belastenden Kindheitserfahrungen oder einem Trauma geprägt. Du handelst nicht mehr flexibel, sondern steckst fest.



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Die Vielfalt deiner Inneren Anteile: Vom strengen Kritiker bis zur liebevollen Mutter


In Johannas Geschichte haben wir gesehen, wie verschiedene Innere Anteile ihr Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen. Beleuchtet haben wir bisher die Anteile, die das Feststecken verkörpern.


Doch es gibt noch weitere Innere Anteile, die in jedem Menschen vorhanden sind. Einige davon können helfen, alte Muster zu durchbrechen und wieder mehr innere Balance zu finden.


Im Folgenden werfen wir einen genaueren Blick auf diese Anteile: diejenigen, die aus Überlebensstrategien entstanden sind, und diejenigen, die den Weg zur Heilung ebnen können.



1) Aus Überlebensstrategien entstandene Anteile


  • Das verletzte Innere Kind: "Ich muss gehorchen!"

    • leidet unter Erlebnissen der Kindheit wie emotional nicht erreichbare Eltern, zu hohe Erwartungen und Abwertungen, Tod von Familienmitgliedern, traumatischen Erlebnissen, usw.

    • hat versucht, die Familie so gut wie möglich stabil zu halten (Eltern sollen sich keine Sorgen machen, nicht wütend werden, o.ä.). Daher passt es sich an und handelt wie gewünscht, um ein unterstützendes "Nest" zu haben.


  • Der Innere Kritiker: "Du bist falsch!"

    • sorgt mit drastischen Maßnahmen dafür, dass das verletzte Kind funktioniert

    • Grund dafür: Fürsorge, denn wenn das Kind sich anpasst, bekommt es so viel Zuneigung wie irgendwie möglich

    • hat sich relativ zeitgleich mit dem verletzten inneren Kind gebildet


      Hinweis: wenn du mehr über den Inneren Kritiker wissen möchtest und warum er zu so heftigen Maßnahmen wie Abwertung, usw. greift, lese meinen Artikel "Heile dein Inneres Kind und bring deinen Inneren Kritiker zum Schweigen"


  • Die rebellische Innere Jugendliche: "Ich bin sauer auf alles!"

    • hat keinen Bock mehr auf das Angepasstsein

    • Wut als Abgrenzung gegenüber den Eltern, Lehrern, usw.

    • bleibt aber in der Wut stecken und richtet sie letztlich gegen sich selbst oder andere, um ebenso das "Nest" zu erhalten.


  • Die Innere Erwachsene: "Ich funktioniere"

    • lebt immer noch die selben Prinzipien wie das verletzte Kind: sich unterordnen. Nur kann man jetzt nicht mehr grundsätzlich den Verursacher der Angepasstheit erkennen.

    • hat keinen Bezug zum inneren verletzten Kind

    • das bedeutet: "Ich spüre mich nicht"



2) Zur Heilung beitragende Innere Anteile


Die drei im Folgenden beschriebenen Anteile stehen meist im Hintergrund, wenn du noch sehr in deinen alten Mustern festhängst. Aber es ist so, wie es auch in einer richtigen Familie wäre: erst, wenn alle Familienmitglieder anerkannt werden, herrscht Frieden.


heilsame Innere anteile


  • Die Innere Beobachterin: "Ich nehme wahr"

    • sieht alles mit Abstand: wohlwollend und analysierend statt emotional verstrickt

    • erkennt die Zusammenhänge und weiß die Lösung


  • Die Innere Mutter: "Ich kümmere mich"

    • wendet sich liebevoll dem verletzten Kind zu statt dem Kritiker gehorchen zu wollen

    • tröstet und heilt, indem sie das Kind in seinem Schmerz wahrnimmt und ihm ein sicheres Gefühl gibt.


  • Das heile Innere Kind: "Ich darf einfach sein"

    • irgendwo gibt es immer auch einen unverletzten Anteil, der sich eine heile Welt in der Kindheit erschaffen hat - mit einem Plüschhasen, an einem geheimen Ort in der Natur, in Büchern und Geschichten, usw.

    • dieser Anteil ist sehr wichtig, um eine traumatisierte Kindheit psychisch überleben zu können




Damit das Ganze greifbarer wird, schauen wir uns Johannas Geschichte noch einmal an und sehen, wie sich diese drei Anteile in ihrem Leben zeigen.


Eines Tages denkt Johanna: "Ich bin völlig erschöpft. Meine Gedanken stehen überhaupt nicht mehr still. Ich kann nicht mehr schlafen und bin unsagbar traurig. So kann es nicht mehr weitergehen." (Innere Beobachterin) Sie beschließt, eine Therapie zu machen. Dort lernt sie, wieviel Einfluss ihre Kindheit noch immer auf ihr Leben hat. Sie erfährt, dass es ihr besser geht, wenn sie nicht ständig über ihre Kräfte lebt - sondern wahrnimmt, wie sie sich fühlt. Und ihre Gefühle achtet: die traurigen und die fröhlichen (Innere Mutter). Seither macht sie auch manchmal Dinge, die ihrem Alter oder ihrem Job so gar nicht entsprechen - ganz spontan und mit viel Freude (Inneres heiles Kind).

Das Beispiel habe ich bewusst nicht so enden lassen, dass sie ihren Job kündigt oder den Freund verlässt. Vielleicht wäre das so - oder sie trifft eine ganz andere Entscheidung. Das, was viel wichtiger ist, ist, dass sie anfängt, sich zu spüren.


Sie nimmt ihre Gefühle ernst und hört auf, sich selbst zu übergehen. Sie erkennt, dass es nicht darum geht, immer „funktionieren“ zu müssen. Stattdessen beginnt sie, sich selbst mit mehr Mitgefühl zu begegnen. Sie erlaubt sich, auch mal „nicht perfekt“ zu sein und dem Spielerischen in ihr Raum zu geben.


Für Johanna, genauso wie für dich, ist Heilung ein fortlaufender Prozess. In diesem Prozess wird der Innere Kritiker, der so lange über sie und ihre Entscheidungen gewacht hat, immer weniger laut – und das verletzte Innere Kind darf heilen.

Wenn du mehr und in die Tiefe gehend erfahren möchtest, wie du mit deinem Inneren Kritiker und deinem verletzten Inneren Kind umgehen kannst, dann lies meinen nächsten (noch im Entstehen befindlichen) Artikel „Heile dein Inneres Kind und bring deinen Inneren Kritiker zum Schweigen“.



Fazit


Deine inneren Anteile sind Überlebensstrategien aus der Vergangenheit. Aber sie sind auch der Schlüssel zu Heilung und Wachstum.


Indem du die verschiedenen Anteile – wie das verletzte Innere Kind, den Inneren Kritiker und die rebellische Innere Jugendliche – erkennst und annimmst, kannst du alte, schmerzhafte Muster durchbrechen. Gleichzeitig ermöglichen dir heilende Anteile wie die Innere Beobachterin, die Innere Mutter und das heile Innere Kind, dir mit Mitgefühl zu begegnen und dein Leben zu verbessern.


Hinweis: Möchtest du konkret lernen, wie du deine Inneren Anteile erkennst und wie es möglich ist, durch die Arbeit mit ihnen ausgeglichener und selbstbewusster zu werden? Dann wäre unser Seminar "DER FEIND IN MIR" - Umgang mit Inneren Kritikern und Heilung des Inneren Kindes vielleicht genau das Richtige für dich.



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Vera Arnold

Vera Arnold

Vor fast 20 Jahren begegnete mir ein Satz auf einem Plakat in einer vollen Berliner U-Bahn: "Ein Tag ohne Lächeln ist ein verlorener Tag" (Charlie Chaplin).


Der begleitet mich seither und ist ein Grund, warum ich Traumatherapeutin geworden bin.


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